10. Dezember 2021 (Ankara)

Ankara/CSO Ada Ankara – Ana Salon
Raoul Grüneis/Cem Çeliksırt/Presidential Symphony Orchestra

Mit dem Presidential Symphony Orchestra (Cumhurbaşkanlığı Senfoni Orkestrası, abgekürzt als CSO) residiert in Ankara eines der ältesten Orchester der Welt, das mit vielen Umbrüchen seit 1826 (!) besteht und historisch das Musikgeschehen der Türkei dominiert hat. Zunächst als Teil der Militärmusik des Sultans in İstanbul ansässig und mit der Gründung der Republik in die Hauptstadt der neuen Nation übersiedelt und dem Komponisten der Nationalhymne Osman Zeki Üngör (Vater des Komponisten Ekrem Zeki Ün) anvertraut, wurde das Ensemble später zu einem vollständig westlichen Symphonieorchester umgebaut und spielte zahlreiche bedeutende türkische Werke auf Tonträger ein. Bis heute gibt das Ensemble jeden Freitag Abonnementkonzerte, die einen fixen Bestandteil für das Leben des in den letzten Jahren leider immer zurückgedrängten säkularen Bildungsbürgertums der Hauptstadt darstellen.

Bemerkenswert ist aber auch der nach 15 Jahren Bauzeit gerade vor einem Jahr eröffnete Konzertsaal im riesigen Gebäudekomplex des Atatürk Kulturzentrums, der knapp 2500 Plätze umfasst und mit einer atemberaubend modernen Architektur beeindruckt (siehe Fotos). Ebenso interessant ist das angeschlossene kleine Orchestermuseum, das die Geschichte des CSO und damit praktisch der modernen Musikgeschichte der Türkei mit historischen Exponaten, etwa einigen Originalinstrumenten aus dem frühen 19. Jahrhundert, höchst lehrreich wiedergibt.

Das Symphoniekonzert selbst ist eine überaus erfreuliche und erfrischende Darbietung spanischer und französischer Symphonik unter der Leitung des deutschen Dirigenten Raoul Grüneis, der parallel zur Karriere an deutschen Opernhäusern unter anderem als ehemaliger Generalmusikdirektor der Istanbuler Oper seit Jahrzehnten erfolgreich im Land wertvolle Aufbauarbeit leistet. Die spanische erste Hälfte leitet sich mit einem feurigen España von Emmanuel Chabrier ein, nicht immer präzise, aber mit einem schwungvollen Elan und lyrischen Ausbrüchen, evoziert vom übergestikulierend-energischen Dirigat, das pure Freude am Musizieren vermittelt und den sonst eher verhaltenen Klangkörper zum vollen Einsatz animiert. Mit Grüneis ist endlich genau jene musikalische Energie am Pult gefunden, die sich hier im Lande bei anderen durchaus kompetent schlagenden Dirigenten oft vermissen lässt. Besonders klangschöne Akzente bei Chabrier setzen dabei vor allem die exzellenten Posaunen. Das Concierto de Aranjuez von Joaquin Rodrigo mit dem nicht wirklich gut vorbereiteten Solisten Cem Çeliksırt hingegen ist eher eine Geduldprobe, bei der jede anspruchsvollere Figur auf der Gitarre zum Mitzittern einlädt. Im Hintergrund bleibt aber das Lebhafte und das Rhythmische im Orchester insbesondere in den Ecksätzen erhalten, das elegant geführte Englischhorn-Solo ist ein Highlight aus diesem Teil.

Für die französische Hälfte nach der Pause stehen Claude Debussys Symphonische Skizzen La Mer auf dem Programm, ein komplex orchestriertes Paradigma des Impressionismus. Der fragmentarische Grundzug jenes Stils scheint musikalisch der türkischen Natur viel näher zu liegen als ein Versuch, längere romantische Bögen zu spannen und motivisch aufzubauen. So vollzieht sich der für Debussy typische rasche Charakterwechsel innerhalb von wenigen Takten mit einfühlsamer Aufmerksamkeit von allen Beteiligten, dabei stets begleitet von der Verlässlichkeit der vorzüglichen Blechbläser, die gerade bei diesem Werk zum vollen Einsatz kommen. Doch sosehr sich die Darbietung durch die hörbare Detailarbeit auszeichnet und vor allem der auswendig dirigierende Raoul Grüneis mit vollkommenem Überblick über die komplexe Partitur das Ensemble vorbildhaft führt, scheint insbesondere für ein relativ klein besetztes Streichorchester unter einem nicht wirklich aktiv führenden Konzertmeister das Werk beinahe unüberwindbare technische Hürden aufzustellen. Spätestens im dritten Satz sind Überforderungsphänomene unüberhörbar, flüchtige Schnelleinwürfe der Ersten Geigen klingen eher wie moderne Toncluster, hohe Unisonostellen weisen sogar eine Varianz von einem ganzen Halbton auf, was geschulte Ohren in der ersten Reihe auf Dauer nicht mehr ertragen.

Andererseits wird erneut deutlich, welche gewichtige Rolle die langjährige Tradition in der Spielkultur eines Symphonieorchesters einnimmt: Der Klang des CSO unterscheidet sich deutlich von allen anderen Klangkörpern in der Türkei, sein Auftritt hat eine seltene Aura des Ernsthaften, Professionellen in sich. Das Orchester mit einem überaus organischen Klang, der offenbar über die Jahrzehnte und über mehrere Generationen– eine ältere Bratschistin wurde mit Blumen in Pension verabschiedet – zusammengewachsen ist, wird sich durch technische Optimierung in den nächsten Jahrzehnten bestimmt ein ansehnliches Niveau erarbeiten. Insgesamt Dank des animierten Dirigenten, der dem Ensemble lange erhalten bleiben möge, ein frischer und erfreulicher Abend, der mit der schwungvollen Wiederholung der España zur Zugabe mit lautstarkem Jubel und sichtlich zufriedenem Publikum abschließt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: