11. Dezember 2021 (Ankara)

Ankara/Staatsoper (Ankara Devlet Opera ve Balesi Salonu – Büyük Tiyatro)
Premiere: Cavalleria Rusticana/I Pagliacci

Nicht nur in İstanbul, wo die Geschichte der klassischen Musik in der Türkei mit Giuseppe Donizetti begann, sondern auch die in den 20er Jahren zu einer modernen Stadt erst geplante Hauptstadt der Republik Ankara hat mehrere kleinere Opernbühnen, die vom Türkischen Staatstheater seit 2018 unter der Leitung des auch an der Wiener Staatsoper aufgetretenen Tenors Murat Karahan geführt werden. In der 1933 gebauten und 1948 zum Opernhaus umgestalteten Opera Sahnesi im Zentrum der Stadt neben dem neuen Konzerthaus findet die aktuelle Premiere der Klassiker des Verismo statt, die zwar keine bahnbrechenden Neuinterpretationen bietet, sehr wohl aber hörenswerte gesangliche Glanzleistungen.

Wie auch am Vortag im neuen Konzertsaal setzt der viel eingesetzte deutsche Dirigent Raoul Grüneis in Cavalleria Rusticana auf überströmende Energie am Pult des platzbedingt extrem klein besetzten Orchesters, das er zur kantablen wie dramatischen Wiedergabe animiert. Zeitweise überschlagen sich die grundsätzlich an der oberen Kante angesetzten Tempi in Überholmanövern, doch insgesamt ist es wohltuend, sich auch in solch einem kleinen Theater von einem derart inspirierten Orchester begleiten zu lassen. Mit dem kräftigen, aber schlecht einstudierten Chor, der keine Gelegenheit zum Schleppen auslässt, bilden sich aufbrausende dramatische Höhepunkte, die das Publikum stark mitnehmen. Als Turiddu tritt der Direktor Murat Karahan höchstpersönlich auf, eine frische und jung(geblieben)e Stimme, deren technisch perfektionierte Leichtigkeit und sichere Höhen die Rolle des naiven und zum Schluss melancholischen Bauern mit einem eindringlichen Kontrast zum tragischen Geschehen charakterisieren. Mindestens ebenbürtig an seiner Seite ist Ezgi Karakaya als Santuzza der Star des Abends. Die durchgängig einheitliche Tongebung ohne Brüche und mit konstantem Volumen der Finalistin des BBC-Wettbewerbs von 2017 ist von einer brillanten Ausstrahlung beseelt, die auch in größeren westlichen Häusern tragfähig wäre. Nachdem eher ihr tiefster Brustregister noch ausbaufähig schien, war es umso überraschender, nach der Aufführung im Netz ihre Stimme als Mezzosopran angekündigt zu sehen – es wäre schön, wenn ihr ein Übergang in lyrische Sopranrollen gelänge. Für Kamil Kaplan, der das obere Fis stets neu ansetzen muss, ist die Rolle des Alfio etwas zu hoch, er bemüht sich aber um eine kräftige und präsente Rollengestaltung. Seray Pınar als Lola bietet eine solide Leistung, bleibt aber der Kompaktheit für schnellere Läufe schuldig. Allein Hatice Zeliha Kökcek als Lucia ist massiv unterbesetzt, die nasale Stimme setzt jeden Ton zu tief an.

Nach der Pause gibt es nicht nur einen szenischen, sondern einen Dirigentenwechsel: Der Italiener Andrea Solinas setzt in Pagliacci mehr auf Ordnung, die weniger Dramatik entfaltet, dafür aber mit Sängern organisch mitatmet und sie angenehm begleitet. Ünüşan Kuloğlu als Canio, der vor zehn Jahren zum besten Sänger der Türkei gekürt wurde, hat offenbar seinen stimmlichen Zenit leider überschritten. Der Heldentenor hat trotz richtigen Ansatzes absolut kein Volumen mehr ab As. Die Zeichnung des Canio als extrem fragilen Charakter ist überaus gelungen, was aber für den Wahnsinn in der Schlussszene dramatisch nicht ausreicht. Allerdings wäre es schade, ihn bloß abzuschreiben, denn seine baritonale Lage um Des strahlt so kräftig, weshalb er unbedingt für hohe Baritonrollen einzusetzen wäre. Eralp Kıyıcı als Tonio zeichnet sich hingegen durch eine frische und klare Stimme mit einer Strahlkraft aus, die im Prolog bis an das As reicht (das sich viele gar nicht trauen). Mit seiner schauspielerischen Präsenz als der geheime Fadenzieher des ganzen Theaters, der am Ende lachend auf der Bühne das Ende der Komödie verkündet, geht er mit der vielschichtigen Rolle in Eins auf. Bloß das sporadische künstliche Abdunkeln der Stimme tut der Perfektion leider Abbruch, dennoch eindeutig eine der besten Leistungen des Abends. Von den kleineren Rollen sticht Çetin Kiranbays frische und durchgängig stabile Stimme als Silvio hervor, die aus der Rolle eine sympathische Figur macht. Tuğba Mankal als Neddaund Emrah Sözer als Beppe sind solide, bleiben aber unauffällig.

Das sehr junge Publikum – in der Türkei könnte man anhand des Durchschnittsalters im Zuschauerraum nicht zwischen Opernhaus und Kino unterscheiden – spendet begeisterten Applaus für alle Beteiligten, Standing Ovation bereits vor der Pause und Jubel vor allem für Karahan und Karakaya. Übrigens: Zur „Inszenierung“, die innerhalb des wohl beschränkten Budgets grob das wiedergibt, was im Libretto steht, gibt es eigentlich nichts zu kommentieren – angesichts der zerstörerischen Kulturrevolution an der Wiener Staatsoper kann man aber gerade auch dafür unendlich dankbar sein.

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