16. Dezember 2021 (Istanbul)

İstanbul/Zorlu Performans Sanatları Merkezi – Turkcell Sahnesi
“The Music in My Dreams”: Deseure/Katia&Marielle Labèque/Borusan İstanbul Philharmonic Orchestra

Im 2013 errichteten modernen Gebäudekomplex Zorlu PSM (Performing Arts Center) im noblen Beşiktaş-Viertel Istanbuls gastiert monatlich das im Westen wohl bekannteste türkische Ensemble, das Borusan İstanbul Philharmonic Orchestra („BIPO“). 1991 vom großen Industriekonzern Borusan als Kammerorchester gegründet und 1999 zu einem Symphonieorchester erweitert, hat das BIPO es nicht zuletzt durch intensive Bemühungen des österreichischen Dirigenten Sascha Goetzel zu internationalen Auftritten und Aufnahmen geschafft. Im Land zeichnet sich das Ensemble durch hochkarätige internationale Gastkünstler aus, diesmal etwa durch zwei Konzertprojekte mit dem Pianistinnenduo Katia und Marielle Labèque. Ob es sich dabei aber um das künstlerisch vorzüglichste Ensemble des Landes handelt, bleibt allerdings im aktuellen Auftritt zumindest fraglich.

Eröffnet wird das letzte Symphoniekonzert des Jahres mit Nielsens Rhapsodischer Ouvertüre En Fantasirejse til Færøerne („An Imaginary Trip to the Faroe Islands“), ein kurzes programmatisches Spätwerk, das in Anlehnung an die letzten Symphonien die Grenzen der Tonalität schwebend auslotet und sich zugleich um einen dramatischen Zug bemüht. Die polytonal anmutende Eröffnung durch die Streicher wird durch mehrschichtige Bläsereinwürfe erweitert und von einem Choral überlagert, unterbrochen von einem rhythmisch-stürmischen Ausbruch, um zu einem schließlich ins nichts ausklingenden finalen Ausbruch überzuleiten. Ein durchaus interessantes geradliniges Werk, das allerdings viel mehr Klangqualität und intensiven Zug bräuchte als eine lieblos abgespielte Aufwärmübung, um dem Publikum diese besondere Klangstruktur nahezubringen.

Dies könnte man noch mit der ungewöhnlichen und nur schwer zugänglichen Tonsprache des späten Nielsen entschuldigen, doch der musikalische Tiefpunkt kommt erst noch: Bryce Dessners Konzert für zwei Klaviere und Orchester, für Katia und Marielle Labèque geschrieben, die an diesem Abend wie gewohnt klangschöne und flüssig-virtuose Darbietung abliefern, ist ein musikalisches Ärgernis. Die ersten Takte des Klavierkonzertes machen mit Reminiszenz an die Eröffnung des hörenswerten Tabuh Tabuhan von Colin McPhee noch neugierig, doch schnell gibt sich das Wesen des unausgereiften Kompositionsversuchs zu erkennen: stupide Repetition, die weder auf die Eigenheiten des Klaviers und der Spielweise des Pianistinnenduos in irgendeiner Weise sinnvoll Bezug nimmt, noch jeglichen durchdachten Aufbau zumindest versucht, ganz zu schweigen von klanglichen oder rhythmischen Akzenten, von denen der gesamte Stil des Minimalismus eigentlich zehrt. Noch eine musikalische Ebene tiefer geführt wird man im Anschluss an die Pause mit dem mit zwei verstärkten E-Gitarrenklängen kontaminierten Orchesterwerk St. Carolyn by the Sea, das aus wenigen primitiven, dafür umso länger und mit einer fast schon grotesken Geste der Bedeutsamkeit ausgebreiteten Akkorden eine Klangmasse zu basteln versucht, die kaum über einen ersten Kompositionsversuch eines mittelbegabten Gymnasiasten hinausgeht. Dass sich dabei auf den Stil des Minimalismus berufen wird, dessen erstklassige Vertreter wie etwa Steve Reich und vor allem John Adams durch vortrefflich differenzierte Orchestrierung und eine durchdachte Kompositionskraft unter den zeitgenössischen Komponisten herausragen, ist ärgerlich; dass es derartige Primitivitäten in klassischen Konzertsälen schaffen und sogar auf Tonträgern gut vermarktet werden, schlicht skandalös.

Es folgt ein Kontrastprogramm, oder besser: Ohrenreinigung. Igor Strawinskys Orchestersuite aus Petrushka, Burlesque in four scenes, diesmal in der mit vierfachem Holz größer orchestrierten Fassung von 1910/11, zeigt, wenig überraschend, worum es in der erstklassigen Musik letztlich geht: Farbenfrohes Klangfest, das Bilder und Szenen vermittelt, unterschiedliche Motive zu einer einheitlichen Form synthetisiert und zugleich die einzelnen Musiker wie auch das Ensemblespiel regelrecht herausfordert. Die aktuelle Darbietung wird diesen Herausforderungen des anspruchsvollen Werkes nur teilweise gerecht. Zwar sind einzelne phrasierungstechnische Bemühungen hörbar, reichen aber für eine geistreiche Wiedergabe nicht aus. Vor allem dem jungen Belgier Karel Deseure am Pult, der offensichtlich das Werk zum ersten Mal dirigiert, gelingt es nicht, das ebenso unerfahrene Orchester mit Sicherheit durch die heikle Partitur zu führen. So kommt es ungewöhnlich oft zu Temposchwankungen und zu rhythmisch unpräzisen Wiedergaben, der Dirigent stiftet beim Tempowechsel Verwirrungen und bremst die dem Werk inhärente Dynamik. Die im Verhältnis zu Bläsern sowohl qualitativ als auch quantitativ zu schwach besetzten Streicher vermögen es nicht, einen Zug zu erzeugen, aber auch die bei sonstigen türkischen Orchestern exzellenten Blechbläser bleiben solistisch unter Erwartungen – es gibt wohl gute Gründe, weshalb gegen die spätere Version von 1947 entschieden wurde. Bei diesem Orchester sind es eher die Holzbläser, die sich durch technische Versiertheit und sensiblen Musikalität auszeichnen. Trotz des vergleichsweise hohen technischen Niveaus des Orchesters insgesamt ein recht belangloses Konzert, das dementsprechend für türkische Verhältnisse mit wenig Begeisterung aufgenommen wurde.

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