26. November 2021 (Istanbul)

İstanbul/Theatersaal des Atatürk Kulturzentrums İstanbul
Murat Cem Orhan/Tutu Aydınoğlu/Staatliches Symphonieorchester Istanbul (İstanbul Devlet Senfoni Orkestrası): Ekrem Zeki Ün und Turgay Erdener

Dass die Rezeption der westlichen Kunstmusik in verschiedenen Weltteilen unterschiedliche Synergieeffekte auslöst, ist weithin bekannt. Besonders interessant sind originelle Klangsynthesen von Orchestern mit virtuos geführten Soloinstrumenten, wovon eines der interessantesten Beispiele aus der Türkei das Klavierkonzert Nr. 1 (1955)von Ekrem Zeki Ün (1910-1987) darstellt, dem Sohn des Komponisten der Nationalhymne (İstiklâl Marşı) Osman Zeki Üngör, der zeitlich parallel zu und im Schatten der prominenten „Türkischen Fünf“ einen ähnlichen Zugang entfaltet. Doch auch in der Türkei selbst scheint dieses anspruchsvolle Werk, von dem meines Wissens keine Aufnahme existiert, eine besondere Rarität zu sein, auf deren Aufführung im soeben eröffneten Atatürk Kültür Merkezi man sich also freuen kann.

Das fesselnde Werk für beinahe durchgängig eingesetztes Soloklavier, Streichorchester, Pauken und Schlagwerke entwickelt Versatzstücke unterschiedlichen Charakters in einem Satz ohne Unterbrechung. Aus dem zunächst um das tonale Zentrum um e und später h kreisenden und sich nicht auf Dur und moll festlegen wollenden Streicherklang entwickelt sich das Klaviersolo, das vor allem zwischen arpeggierenden freitonalen Akkorden und rhythmisch akzentuierten schnellen Läufen abwechselt. Von der Solistin fordert das Werk nicht nur Virtuosität, sondern auch Ausdauer und Kraftakt, um sich mit Ausnahme des kurzen, etwas lyrischen und kadenzähnlichen Mittelteils dem perkussiven Register des Instruments in allen Facetten zu bedienen – eine Aufgabe, die die Virtuosin Tutu Aydınoğlu auf einem Bösendorferflügel hervorragend und mit unglaublicher Energie meistert. Das Staatliche Symphonieorchester Istanbul (İstanbul Devlet Senfoni Orkestrası) unter der Leitung des zuverlässigen und sauber schlagenden Murat Cem Orhan begleitet sie mit guter rhythmischer Präzision, auch wenn – wie bei allen anderen türkischen Streichensembles bisher – ein mit einer ausgiebigen Klangmasse geführter Bogen und damit ein ganzes Kontrastprogramm zum Klavierpart fehlt.

Auch in diesem Werk finden sich Anklänge an die traditionell türkischen Motive und Modi wie bei anderen prominenten Werken aus der Entstehungszeit, doch nie vulgär zitiert, sondern organisch eingebettet in den Fluss, der das 17-minütige Werk durchströmt. Die schlagwerkartige Verwendung des Klaviers mischt sich exzellent mit der klein besetzten Streichergruppe, ergänzt von spärlichen, aber effektvollen Einwürfen der Schlagwerke, die zusätzliche rhythmische Akzentuierung verleihen. Die häufigen Quint- und Quartparallelen sowie einige kanonische Formen und schließlich die geistig durchdrungene Synthese der Motive zu einer Einheit erinnern zweifellos an Bartóks meisterhafte Klavierkonzerte, mal an perkussive frühere, mal an die lyrisch-schwebende Dritte, aber stellenweise auch an den beinahe atonal-expressionistischen Charakter des Klavierkonzerts von Arnold Schönberg oder Üns Zeitgenossen Nikos Skalkottas, vor allem an dessen zweites Klavierkonzert. Obwohl das vorliegende Werk den tonalen Raum passagenweise doch sehr deutlich verlässt, bleibt das überwiegend junge türkische Publikum durchgehend aufmerksam und spendet nach einer überaus kurzweiligen Darbietung lauten Jubel, vor allem für die Pianistin und schließlich auch an die anwesende Tochter des Komponisten.

Ohne Pause folgt die Ballettsuite „Afife“ (1998) des zeitgenössischen Komponisten Turgay Erdener (*1957), ein Auszug aus einer Hommage an die erste muslimische Schauspielerin Afife Jale, von der auch eine CD-Einspielung des Tschaikowsky-Symphonieorchesters Moskau existiert. Die Musik lässt sich stilistisch eher als gehobene Unterhaltungsmusik einordnen. Die recht originelle lyrische Einleitung macht neugierig, gefolgt von durchaus sympathischen filmmusikähnlichen Szenenfolgen, die allerdings nach einigen simplen Repetitionen und der musikalisch zwar einwandfreien, aber nicht unbedingt berührenden Wiedergabe bald nach Visualisierung schreien. Bestimmt gibt es kompositorisch originelle Momente, die an Vermittlung zwischen lokalen und westeuropäischen Musiktraditionen erinnern, etwa der exzessive Gebrauch von schnellen ungeraden Takten und einigen türkischen Melodiefolgen, und dennoch bleibt der große Geistesblitz eines kreativen Komponisten aus, jener von Saygun und Ün initiierte Prozess scheint zu stagnieren. Doch auch wenn man mit dieser Musik langfristig weder die Musikkultur noch das Orchesterspiel zu kultivieren vermag, gibt es überaus freundliche Ovationen für die Mitwirkenden und schließlich auch für den anwesenden Komponisten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: